bL von byLamari Redaktion · Aktualisiert am 5. August 2026 · ⏱ 7 Min. Lesezeit
Auf dieser Seite stand über ein Jahr lang, Edelstahlschmuck sei nickelfrei. Das war falsch. 316L, die im Schmuck übliche Sorte, enthält zwischen 10 und 13 Prozent Nickel. Einen nickelfreien Edelstahl gibt es im Schmuck praktisch nicht.
Daraus folgt aber nicht, dass Edelstahl bei einer Nickelallergie ein Problem wäre. Der Punkt ist ein anderer: Der Nickelgehalt ist gar nicht die Größe, auf die es ankommt. Gemessen und reguliert wird, wie viel Nickel ein Stück an die Haut abgibt. Das sind zwei völlig verschiedene Zahlen, und nur eine davon steht in der Werbung.
Dieser Artikel erklärt, warum „nickelfrei“ bei Edelstahl eine leere Angabe ist, welche Werte stattdessen zählen, wo es tatsächlich kritisch wird und welche Materialien wirklich kein Nickel enthalten. Am Ende steht, was wir im eigenen Shop korrigiert haben.
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Warum es nickelfreien Edelstahl nicht gibt
„316L“ ist eine amerikanische Bezeichnung. In der europäischen Systematik entsprechen ihr je nach Molybdängehalt die Werkstoffnummern 1.4404, 1.4432 und 1.4435. Für 1.4404 legt EN 10088-3 fest, was enthalten ist:
- Chrom 16,5 bis 18,5 Prozent
- Nickel 10,0 bis 13,0 Prozent
- Molybdän 2,00 bis 2,50 Prozent
Nickel ist hier keine Verunreinigung und kein Sparzusatz, sondern ein Legierungsbestandteil in zweistelliger Höhe. Ein Stahl dieser Familie ohne Nickel wäre ein anderer Werkstoff mit anderen Eigenschaften. „Nickelfreier Edelstahl“ beschreibt im Schmuck nichts, was es zu kaufen gäbe.
Eine Randnotiz, weil die Zahlen im Netz durcheinandergehen: Die oft zitierte Spanne von 10 bis 14 Prozent stammt aus der amerikanischen ASTM A240, nicht aus der europäischen Norm. Beide beschreiben 316L, aber mit unterschiedlichen Grenzen. Wer sie mischt, zitiert am Ende keine von beiden. Mehr zum Werkstoff steht im Artikel zu Schmuck aus Edelstahl.
Nicht der Gehalt zählt, sondern die Abgabe
Eine Kontaktallergie reagiert nicht auf Nickel im Metallgitter, sondern auf Nickelionen, die aus der Oberfläche gelöst werden und in die Haut gelangen. Deshalb regelt die EU nicht den Gehalt, sondern die Freisetzung.
Verbindlich ist REACH, Anhang XVII, Eintrag 27. Dort stehen zwei Grenzwerte:
- 0,5 Mikrogramm pro Quadratzentimeter und Woche bei längerem Hautkontakt
- 0,2 Mikrogramm pro Quadratzentimeter und Woche für Stifte, die während der Abheilung in durchstochenen Körperteilen stecken
Für unbeschichtetes 316L wird eine Abgabe von rund 0,02 Mikrogramm pro Quadratzentimeter und Woche gemessen, in neueren Untersuchungen auch Werte unterhalb der Nachweisgrenze. Das ist mehr als eine Größenordnung unter dem Grenzwert. Genau das ist der Satz, der statt „nickelfrei“ dort stehen sollte: nickelhaltig, aber in der Abgabe weit unter dem, was erlaubt ist.
Für 304, die zweite im Schmuck übliche Sorte, werden rund 0,08 gefunden. Auch das liegt unter dem Grenzwert, ist aber das Vierfache von 316L. 304 enthält kein Molybdän und ist deshalb nicht dasselbe Material, auch wenn auf beiden Etiketten oft nur „Edelstahl“ steht. Welche Rolle die Passivschicht dabei spielt, steht unter Läuft Edelstahlschmuck an?
Wo es doch kritisch wird
Der Messwert oben gilt für blanken Stahl. In drei Fällen greift er nicht.
Beschichtete Ware. Bei goldfarbenem Schmuck sagt das Grundmaterial wenig darüber aus, was tatsächlich an der Haut liegt. Ein typischer galvanischer Aufbau ist: zuerst Kupfer zum Einebnen der Oberfläche, dann Nickel als Diffusionssperre, damit das Kupfer nicht ins Gold wandert, dann die Goldschicht. Das Nickel sitzt also direkt unter dem Gold.
Eine 2024 in Heliyon veröffentlichte Untersuchung hat gemessen, was davon durchkommt. Bei nickelhaltigem Schichtaufbau lag die Abgabe bei 1,43 ± 0,76 und 6,02 ± 0,08 Mikrogramm pro Quadratzentimeter und Woche, also deutlich über dem Grenzwert von 0,5. Bei einem nickelfrei gefahrenen Beschichtungszyklus kamen 0,10 ± 0,07 und 1,22 ± 1,25 heraus. Der zweite Wert reißt den Grenzwert ebenfalls. „Nickelfrei beschichtet“ ist für sich genommen also noch keine Zusage.
Die nickelfreie Alternative als Zwischenschicht ist Weißbronze, eine Kupfer-Zinn-Zink-Legierung. Sie ersetzt das Nickel, ist aber selbst eine Kupferlegierung und damit keine echte Sperre gegen das Kupfer darunter. Dazu kommt die Schichtdicke: Dünne Goldschichten sind porös. Unterhalb von rund 1,25 Mikrometern ist Porosität ein typisches Problem, als porenfrei gelten Schichten eher ab 2,5 Mikrometern. Durch offene Poren kommt an die Haut, was darunter liegt.
Beantworten lässt sich die Frage bei beschichteter Ware nur durch Prüfung. EN 1811:2023 regelt die Messung der Nickelabgabe, EN 12472:2020 die künstliche Alterung mit Abrieb, die der Messung vorausgeht. Ohne diese beiden Schritte ist jede Aussage über eine Beschichtung eine Vermutung. Was die EU dabei genau verlangt und warum sie den Grenzwert über zwei Jahre normaler Verwendung fordert, steht unter Nickel unter der Vergoldung. Zum Zusammenhang von Beschichtung und Alltag: Wasserfester Schmuck, der ehrliche Ratgeber.
Frisch gestochene Ohrlöcher. Hier gilt der schärfere Grenzwert von 0,2, und hier gelten eigene Regeln. Die Standards der Association of Professional Piercers verlangen keinen bestimmten Werkstoff, sondern eine dokumentierte Normkonformität. Zulässig sind unter anderem Stahl nach ASTM F138 beziehungsweise ISO 5832-1, also implantatreiner, umgeschmolzener Edelstahl, im Handel oft „316LVM“ genannt, außerdem Titan, Niob, massives Gold ab 14 Karat, Platin und bleifreies Glas. Vergoldet oder plattiert zählt beim Gold ausdrücklich nicht.
Bemerkenswert daran: ASTM F138 ist selbst ein Edelstahl. Der Unterschied liegt nicht im Metall, sondern im Nachweis. Handelsübliches 316L trägt diesen Nachweis in der Regel nicht und gilt ohne ihn nicht automatisch als APP-konformer Erstschmuck. Das ist eine Aussage über fehlende Dokumentation, keine über die Verträglichkeit des Materials.
Billige Legierungen ohne Angabe. Messing, Zinkdruckguss und vernickelte Buntmetalle sind der Grund, warum es die REACH-Beschränkung überhaupt gibt. Wo kein Material genannt wird, ist auch keines zugesagt.
Welche Materialien wirklich nickelfrei sind
Ohne Einschränkung nickelfrei ist eine überschaubare Liste:
| Material | Nickel | Einordnung |
|---|---|---|
| Titan (ASTM F67, F136) | nein | implantatgeeignete Qualitäten, auch für Erstschmuck zugelassen |
| Niob (ASTM B392) | nein | ebenfalls für Erstschmuck zugelassen |
| Platin | nein | aber nicht pauschal kupferfrei |
| Feingold | nein | gilt für Feingold, nicht für jede Goldlegierung |
| Bleifreies Glas | nein | im Piercingbereich gebräuchlich |
| 316L (1.4404) | ja, 10,0 bis 13,0 % | Abgabe rund 0,02 µg/cm² pro Woche, Grenzwert 0,5 |
| Beschichtete Ware | je nach Schichtaufbau | nur über EN 1811 und EN 12472 zu klären |
Hinweis: Platin enthält kein Nickel, ist aber nicht automatisch kupferfrei. Und beim Gold ist der Unterschied zwischen massiv und vergoldet entscheidend: Für Erstschmuck gilt ausschließlich massives Gold ab 14 Karat, plattierte oder vergoldete Ware ausdrücklich nicht.
Woran du von außen nichts erkennst
Der Magnettest. Er wird oft empfohlen und taugt zur Materialbestimmung nicht. 316L, 304, Messing und Zinkdruckguss sind alle praktisch unmagnetisch. Bleibt der Magnet nicht haften, weißt du nur, dass es keines von mehreren sehr unterschiedlichen Materialien ist. Zuverlässig entlarvt der Test genau eine Sorte: vernickelten Eisenschmuck.
„Chirurgenstahl“. Kein geschützter Begriff. Er sagt für sich genommen nichts darüber aus, welche Legierung tatsächlich verarbeitet wurde. 316L kann gemeint sein, muss aber nicht.
Das Wort „nickelfrei“ auf dem Etikett. Es gibt keine Kennzeichnungspflicht, die diesen Begriff definiert oder seine Einhaltung prüft. Verbindlich ist allein die REACH-Beschränkung, und die wird nicht vorab kontrolliert, sondern nachträglich in der Marktüberwachung. Rechtlich frei ist die Angabe deswegen nicht: § 5 UWG verbietet irreführende Angaben über die Beschaffenheit einer Ware auch dann, wenn keine Norm den Begriff festlegt. Vorher hinschauen tut nur eben niemand.
Praxis-Tipp: Wenn du wissen willst, woran du bist, frag den Anbieter zwei Dinge: die Werkstoffnummer des Grundmaterials (1.4404 für 316L) und, bei goldfarbenen Stücken, den Schichtaufbau samt Prüfung nach EN 1811 und EN 12472. Wer beides nicht beantworten kann, hat es nicht geprüft.
Was das praktisch für dich heißt
Zur Größenordnung: Das Umweltbundesamt nannte 2014 eine Prävalenz der Nickelallergie von rund 17 Prozent bei Frauen und 3 Prozent bei Männern und verwies zugleich auf einen leichten Rückgang. Neuere europäische Patch-Test-Daten (ESSCA 2018) nennen für Deutschland 13,5 Prozent Nickelreaktionen, allerdings ohne Trennung nach Geschlecht. Grob gesprochen ist damit jede sechste bis achte Frau betroffen. Beides sind Prävalenzen, also der Anteil der Menschen, bei denen die Allergie besteht, nicht Sensibilisierungsraten. Und die ältere der beiden Zahlen ist inzwischen über zehn Jahre alt.
Für den Alltag folgt daraus:
- Wenn du auf Modeschmuck reagierst, auf blanken Edelstahl aber nicht, ist das mit den Abgabewerten oben gut erklärbar. Eine Diagnose ersetzt das nicht, die stellt eine Hautarztpraxis mit einem Epikutantest.
- Bei ausgeprägter Nickelallergie ist Titan die Wahl, bei der du nicht auf Messwerte angewiesen bist, sondern auf die Zusammensetzung.
- Für frisch gestochene Ohrlöcher zählt, was das Studio dokumentieren kann, nicht der Materialname auf der Verpackung.
- Bei goldfarbenen Stücken ist die entscheidende Frage der Schichtaufbau, nicht das Grundmaterial darunter. Das gilt für jeden Anbieter, uns eingeschlossen.
- Reagiert deine Haut nur bei einzelnen Stücken, liegt das an der Legierung dieser Stücke, nicht an Schmuck als Kategorie.
Unsere silberfarbenen, unbeschichteten Stücke bestehen aus Edelstahl: Ohrringe und Bestseller. Alles zum Thema Nickel und Edelstahl findest du gebündelt unter nickelfreier Schmuck.
In eigener Sache
Was hier falsch stand. Dieser Artikel stand über ein Jahr lang in einer Fassung, die „nickelfrei“ als Eigenschaft von Edelstahl behauptet hat. Das war falsch, und es stand nicht nur hier: Dieselbe Behauptung fand sich in Produkttexten, in Kategorietexten und in Bild-Beschreibungen im Shop. Wir haben sie am 5. August 2026 überall entfernt.
Eine Frage können wir bis heute nicht beantworten: ob unsere goldfarbenen Stücke galvanisch oder per PVD beschichtet sind, ob dabei eine Nickel-Zwischenschicht verwendet wird und wie dick die Schicht ist. Die Auskunft unseres Lieferanten steht aus. Solange sie fehlt, können wir für beschichtete Stücke keine Aussage zur Nickelabgabe machen. Also machen wir keine.
Für die unbeschichteten, silberfarbenen Stücke aus Edelstahl gilt der Messwert weiter oben: rund 0,02 Mikrogramm pro Quadratzentimeter und Woche, bei einem Grenzwert von 0,5.
Häufige Fragen zu nickelfreiem Schmuck (FAQ)
Ist Edelstahl 316L für Nickelallergiker geeignet?
316L enthält 10 bis 13 Prozent Nickel, gibt davon aber gemessen nur rund 0,02 Mikrogramm pro Quadratzentimeter und Woche ab. Der REACH-Grenzwert liegt bei 0,5. Für die meisten Menschen mit Nickelallergie ist das im Alltag unproblematisch, eine Garantie für den Einzelfall ist es nicht. Wie stark jemand reagiert, klärt eine Hautarztpraxis. Für beschichtete Stücke gilt der Messwert ohnehin nicht.
Was bedeutet „hypoallergen“ bei Schmuck?
Rechtlich nichts. Der Begriff ist nicht geschützt, nicht definiert und an keine Prüfung gebunden. Verbindlich ist allein der REACH-Grenzwert für die Nickelabgabe. Wer „hypoallergen“ liest, liest eine Werbeaussage, keine Materialangabe. Dasselbe gilt für „hautfreundlich“ und „allergikerfreundlich“.
Woran erkenne ich nickelhaltigen Schmuck?
Von außen gar nicht. Der Magnettest hilft nicht, weil 316L, 304, Messing und Zinkdruckguss alle praktisch unmagnetisch sind. „Chirurgenstahl“ ist kein geschützter Begriff. Zuverlässig ist nur die Legierungsangabe des Herstellers, und bei beschichteter Ware eine Prüfung nach EN 1811 und EN 12472.
Wie viel Nickel enthält Edelstahl 316L?
Nach EN 10088-3 enthält der Werkstoff 1.4404 zwischen 10,0 und 13,0 Prozent Nickel, dazu 16,5 bis 18,5 Prozent Chrom und 2,00 bis 2,50 Prozent Molybdän. Die häufig zitierte Spanne von 10 bis 14 Prozent stammt aus der amerikanischen ASTM A240 und gehört nicht in dieselbe Rechnung.
Welcher Schmuck eignet sich für frisch gestochene Ohrlöcher?
Während der Abheilung gilt der schärfere REACH-Grenzwert von 0,2 Mikrogramm pro Quadratzentimeter und Woche. Die Standards der Association of Professional Piercers verlangen einen dokumentierten Normnachweis statt eines bestimmten Metalls. Zulässig sind unter anderem Stahl nach ASTM F138 oder ISO 5832-1, Titan, Niob, massives Gold ab 14 Karat, Platin und bleifreies Glas. Handelsübliches 316L trägt diesen Nachweis meist nicht und gilt ohne ihn nicht automatisch als APP-konformer Erstschmuck.
Ist vergoldeter Edelstahl nickelfrei?
Das entscheidet der Schichtaufbau, nicht das Grundmaterial. Bei galvanischer Vergoldung liegt zwischen Stahl und Gold häufig eine Nickelschicht als Diffusionssperre. Eine Untersuchung von 2024 fand bei nickelhaltigem Aufbau 1,43 und 6,02 Mikrogramm pro Quadratzentimeter und Woche, bei nickelfrei gefahrenem Zyklus 0,10 und 1,22. Auch der letzte Wert liegt über dem Grenzwert von 0,5. Ohne Prüfung nach EN 1811 und EN 12472 ist die Frage nicht zu beantworten.
Warum reagiert meine Haut nur bei manchen Schmuckstücken?
Weil die Legierungen unterschiedlich viel Nickel abgeben. Zwischen 0,02 Mikrogramm pro Quadratzentimeter und Woche bei 316L und den über 6 Mikrogramm, die bei manchen nickelhaltigen Beschichtungen gemessen wurden, liegen mehrere Größenordnungen. Dazu kommt die Trageweise: Ein enger Ring oder ein Ohrstecker liegt länger und dichter auf als eine Kette.
byLamari Redaktion
Wasserfester Edelstahlschmuck & Materialkunde
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